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Alles Geschmacksache?

4. Juli 2019

Im Rahmen der Ausstellung des Architekturpreises Nordrhein-Westfalen im Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes NRW, die am 5. Juni eröffnet worden war, fand dort am 28. Juni eine Veranstaltung statt, die sich unmittelbar auf die ausgestellten 49 Projekte bezog: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des MHKBG sowie die Besucher waren im Vorfeld eingeladen, drei Projekte auszuwählen und mit roten Punkten zu kennzeichnen, die ihnen besonders interessant und diskussionswürdig erschienen. Von dieser Möglichkeit war zahlreich Gebrauch gemacht worden. Am Beispiel der präferierten Bauten unterhielten sich die Kölner Architektin BDA Aysin Ipekci, der Architekturtheoretiker Prof. Dr. Thorsten Scheer, Peter Behrens School of Arts, sowie der Leiter der Abteilung „Bauen“ des MHKBG, Ministerialdirektor Dr. Thomas Wilk, moderiert von Ragnhild Klußmann, Architektin BDA, unter dem Titel „Alles Geschmacksache? Eine Diskussion über Architektur und Baukultur“ über Kriterien zur Beurteilung von Architektur. Es ging um das Studentenwohnheim „Romhof“ in Bonn (Architekt Uwe Schröder), die Baulückenschließung durch ein schmales Wohnhaus in Köln (Wolfgang Zeh) und das „Bredeney House“ in Essen (Alexander Brenner).

@Barbara Schlei

Es diskutierten: (vlnr) Aysin Ipekci, Ragnhild Klußmann (Moderation), Dr. Thomas Wilk und Prof. Dr. Thorsten Scheer

Zuvor sprach Thorsten Scheer in einem kurzen Einführungsvortrag über den Begriff des Geschmacks und benannte wesentliche philosophische Positionen zu diesem zentralen  Thema der Ästhetik. Im Grunde wurde das spätscholastische, bis heute sprichwörtliche Diktum „De gustibus non est disputandum“ immer wieder bestätigt: Geschmacksfragen können nicht abschließend entschieden werden, denn Geschmacksurteile beschreiben keine messbare Eigenschaften des Objektes, sondern dessen Wirkungen auf das wahrnehmende Subjekt, sei dieses auch noch so „interesselos“ im Sinne von Immanuel Kant. Ein Diskurs hierüber ist dennoch möglich und notwendig, wenn man denn, wie etwa im Falle einer Architekturjury, zu begründeten und vermittelbaren Urteilen gelangen möchte. Dabei sollte man sich allerdings der Begrenztheit des Geschmacksurteils immer bewusst bleiben, das über seine Bindung an ein Subjekt auch zeitlichen und kulturellen Veränderungen unterliegt.

Jenseits der Ästhetik

Die Podiumsteilnehmer benannten recht einhellig einige Aspekte, die die Qualität eines Bauwerkes oder auch eines Quartiers wesentlich bestimmen. Es sind weniger formale Kriterien – hier mag der Geschmacksfaktor besonders hoch sein – als vielmehr städtebauliche und soziale Qualitäten, denen große Bedeutung beigemessen wird. Architekten tragen mit ihren Bauten nicht nur gegenüber ihren Bauherren Verantwortung, sondern müssen den gesamten Kontext mit bedenken. Trägt die Architektur etwas zur Verbesserung des Standortes bei, bereichert sie die Nachbarschaft und den Stadtteil?

Gerade auf ihre engere Quartiersumgebung beziehen sich viele Menschen, so die Erfahrung Thomas Wilks, wenn sie nach ihrer Vorstellung von „Heimat“ gefragt werden. Hierbei wird, explizit oder nicht, die bauliche Gestaltung ein wesentliches Element der Identifikation sein und insofern von hoher gesellschaftlicher Bedeutung. Aysin Ipekci ergänzt, dass viel zu häufig nur historischen Gebäuden zugeschrieben werde, Identifikation und Heimat schaffen zu können. Dabei entwickle jede Bauepoche eigene und neue Antworten auf die Fragen des Zusammenlebens und tradiere diese in die Zukunft. Thorsten Scheer nannte das Beispiel des Düsseldorfer Stadtteils Garath, der in den 1960er Jahren entstand und trotz zeittypischer Probleme von langjährigen Bewohnern als ihre Heimat geschätzt und bewahrt werden will.

Als weiteres wichtiges Qualitätskriterium wurde der Beitrag eines Gebäudes zur Klimaschonung angesprochen. „Dies darf bei keinem Projekt in Zukunft mehr außer Betracht bleiben und wird große Veränderungen für das Bauen mit sich bringen“, so Aysin Ipekci. Dr. Wilk wies in dem Zusammenhang auf die neuerdings verbesserten gesetzlichen Bestimmungen zum Holzbau hin, die das Land in der letzten Novellierung der Landesbauordnung geschaffen habe.

Bredeney House

Bredeney House, Essen. Architekt Alexander Brenner Architekten, Alexander Brenner BDA, Stuttgart. Bauherr Bruno Gantenbrink

Das Bredeney House in Essen wurde unter ökologischen Gesichtspunkten wegen seiner Größe und dem damit verbundenen Flächen- und Ressourcenverbrauchs kritisch beurteilt. Andererseits fanden dessen, auch gegenüber der Nachbarschaft, offene Bauweise und die großzügige Gestaltung – zum Beispiel vier Meter hohe Räume im Erdgeschoss – sowie die klare Architektursprache viel Anklang. Bei der Frage, ob man in diesem Gebäude gerne wohnen würde, schieden sich die Geister auf dem Podium und auch im Publikum.

 

Baulücke

Foto: Wolfgang Zeh
Foto: Wolfgang Zeh

Baulücke, Köln. Architekt Wolfgang Zeh, Köln. Bauherr Eva Zeh-Kraiss + Wolfgang Zeh

Ganz eigene Herausforderungen stellt das schmale, sich über sechs Ebenen vertikal erstreckende Wohnhaus in der Kölner Baulücke. Auch hier Anerkennung und Bewunderung auf der einen, aber Skepsis hinsichtlich der Nutzungsqualität auf der anderen Seite. So etwas könne man nur bewohnen, wenn man es selbst geplant habe. Eine Bereicherung für die Straße sei dieses Haus aber auf jeden Fall, und die Klimabilanz vermutlich auch gut.

 

ROM.HOF

Foto: Stefan Müller
Foto: Stefan Müller

ROM.HOF – Studentischer Wohnhof in Bonn. Architekt Uwe Schröder Architekt BDA, Bonn. Bauherr MIWO Gesellschaft mbH & Co. KG, Bonn

Beim Studentenwohnheim „Romhof“ kamen eher skeptische Fragen auf. Sicher sei dies ein auffallendes, ungewöhnliches Haus für eine gängige Bauaufgabe. „Aber“, so meinte jemand aus dem Publikum, „ist dies nicht mehr eine Kulisse als ein alltagstaugliches Gebäude für Studenten von heute?“ Die Anordnung der „Zellen“ rundum an der Außenfassade brächte ungünstige Klima- und Lichtverhältnisse für eine Reihe der Zimmer mit sich und stünde zudem im Widerspruch zum typologischen Vorbild eines Klosters.

Die Diskussion war trotz der spürbaren Sympathieunterschiede hinsichtlich der recht unterschiedlichen Architektursprache der drei Bauten von großer Sachlichkeit und dem Abwägen der Urteile geprägt. Ein wenig mehr „harte“ Auseinandersetzung hätte man sich schon gewünscht, aber vielleicht war es das hohe Qualitätsniveau aller drei Gebäude, das die Streitlust dämpfte.

Gert Lorber, Landesvorsitzender des BDA, sprach am Ende der Veranstaltung die vom BDA in seinen Architekturpreisen prinzipiell hoch bewertete Zusammenarbeit der Architekten mit ihren Bauherren an. Eine sozial, ökologisch und gestalterisch qualitätvolle Umwelt könne nur gemeinsam geschaffen werden. Dem öffentlichen Bauherrn, der eine besondere Vorbildfunktion innehabe, stünde mit dem Architektenwettbewerb ein bewährtes Instrument zur Verfügung, das die Chance beinhalte, die jeweils beste planerische Lösung für eine Bauaufgabe zu finden. Er wünsche sich, dass dies in Nordrhein-Westfalen genutzt werde.

Uta Joeressen

©Barbara Schlei
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Prof. Dr. Thorsten Scheer ©Barbara Schlei
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Ragnhild Klußmann (Moderation) und Dr. Thomas Wilk ©Barbara Schlei
Aysin Ipekci und Ragnhild Klußmann (Moderation) ©Barbara Schlei
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Gert Lorber ©Barbara Schlei